
Das Ende des Kartells? – So wird die Welt nach der OPEC aussehen

Von Gleb Prostakow
Ein Barrel Brent, das die Marke von 140 US-Dollar durchbrochen hat – so viel kostete Erdöl im Sommer 2008 und im Frühjahr 2022 – und beharrlich in Richtung der 160-US-Dollar-Marke klettert, verhält sich so, als würde es nicht vom fundamentalen Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage gesteuert. Vielmehr sieht es so aus, als würde sich der Ölpreis entsprechend der Logik der Preisbildung bei Kryptowährungen entwickeln.
Die Schwankungsbreite, die noch vor fünf Jahren als Anomalie galt, ist zur neuen Norm geworden. Der liquideste Rohstoffmarkt der Welt holt in puncto Volatilität Bitcoin ein – und das sagt viel mehr über Erdöl aus als alle Berichte der Internationalen Energieagentur.
Mehr als ein halbes Jahrhundert lang bestimmte die OPEC den Rhythmus der Ölpreise. Das Kartell, das 1960 als Antwort der nicht besonders wohlhabenden Rohstoffländer auf das Diktat der angelsächsischen Großkonzerne gegründet wurde, fungierte jahrzehntelang als Taktgeber der Weltwirtschaft. Zunächst die reine OPEC, dann ihre erweiterte Version OPEC+ unter Beteiligung Russlands, Kasachstans und einer Reihe weiterer unabhängiger Produzenten. Die Formel war einfach: eine abgestimmte Förderbegrenzung im Austausch für ein akzeptables Preisniveau. Diese Formel hat schon seit Längerem nicht mehr funktioniert, doch jetzt gerade erleben wir ihren endgültigen Zusammenbruch.

Der Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) aus der Organisation ist ein bedeutendes Ereignis. Abu Dhabi hatte sich jahrelang öffentlich über die Förderquoten beschwert, da es der Ansicht war, dass seine Produktionskapazitäten – und das sind knapp fünf Millionen Barrel pro Tag – unterschätzt und die Ölförderung künstlich gedrosselt würden. In Wirklichkeit haben die Emirate jedoch im Grunde anerkannt, worüber man in Riad und Moskau diplomatisch schweigt: Das Kartell in seiner derzeitigen Form bringt den disziplinierten Mitgliedern Verluste, den undisziplinierten hingegen Supergewinne. Während die OPEC+ die Förderung methodisch drosselte, sicherten sich die US-amerikanischen Schieferölproduzenten, die brasilianischen Offshore-Förderer und die Neulinge aus Guyana den frei gewordenen Marktanteil. Die Selbstaufopferung zugunsten des Preises wurde zu einem Geschenk an die Konkurrenten.
Die Antwort der VAE auf die naheliegende Frage "Wie geht es weiter?" kam fast augenblicklich. XRG, die Investmentgesellschaft der Abu Dhabi National Oil Company, erklärte sich bereit, in den Aufbau eines großen Gasgeschäfts auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten zu investieren – derzeit werden etwa drei Dutzend potenzielle Akquisitionen geprüft. Das ist nicht nur eine Diversifizierung des Portfolios. Es ist eine politische Geste: Die Emirate integrieren sich in die US-amerikanische Energiearchitektur und setzen dabei auf das explosive Wachstum des inländischen Gasverbrauchs in den USA – von Rechenzentren für die Bedürfnisse der künstlichen Intelligenz bis hin zur Reindustrialisierung.
Es zeichnen sich drei Szenarien für die weitere Entwicklung des Marktes ab, und keines davon bringt den Markt zurück zur wohlwollenden Vorhersehbarkeit der 2010er‑Jahre.
Das erste Szenario ist relativ moderat: Nach einer Deeskalation im Nahen Osten und der Freigabe der Straße von Hormus werden alle Mitglieder des Kartells beginnen, die vereinbarten Quoten leise, aber systematisch zu überschreiten. Das Angebot wird steigen, die Preise werden nach unten tendieren – möglicherweise in den Bereich von 70 bis 80 US-Dollar.
Szenario zwei: Dem Beispiel der VAE werden der Irak und möglicherweise auch Kasachstan folgen – Länder, die ebenfalls unzufrieden damit sind, dass ihre Zurückhaltung von US-amerikanischen und lateinamerikanischen Konkurrenten monetarisiert wird.
Das dritte Szenario wäre für das Kartell katastrophal: der vollständige Zerfall der OPEC+ und die Rückkehr des Marktes zu einem Zustand des freien Wettbewerbs, in dem alle gegen alle kämpfen – was es seit dem Ölboom von 1986 nicht mehr gegeben hat.
Das Paradoxe an der heutigen Situation ist, dass selbst die Nachricht vom Ausstieg der Vereinigten Arabischen Emirate die geopolitische Aufwertung nicht bremsen konnte. Der Ölpreis stürmt auf ein Vierjahreshoch, die russische Sorte Urals hat die 100-US-Dollar-Marke überschritten und allein in einer Woche um zwölfeinhalb US-Dollar zugelegt. Sobald der geopolitische Schock der Blockade der Straße von Hormus vorbei ist, wird sich eine neue Realität offenbaren. Die OPEC ist geschwächt, die Disziplin ist gebrochen, und die derzeit in der Region eingeschlossenen Ölmengen werden auf einen Schlag auf den Weltmarkt strömen.
Für Russland ist diese Transformation ein Anlass, seine Rolle auf dem Ölmarkt zu überdenken. Die Entscheidung, sich im Jahr 2016 der OPEC+ anzuschließen, wurde im Sinne einer strategischen Partnerschaft mit Saudi-Arabien und zur Stabilisierung des Marktes nach dem Schieferöl-Einbruch getroffen. In den vergangenen Jahren hat Russland wiederholt seine Fördermengen gedrosselt, Marktanteile eingebüßt und die Kosten für die Kartellkoordination getragen. Die Vorteile hoher Preise waren zweifellos vorhanden – die russischen Haushaltseinnahmen ermöglichten es lange Zeit, den Rubel trotz Sanktionen und Geldschöpfung stabil zu halten. Doch diese ruhige Zeit scheint nun zu Ende zu gehen.
In dieser neuen Konstellation ergibt sich für Russland eine unerwartet vorteilhafte Position – vorausgesetzt, es gelingt Moskau, diese zu erkennen und zu nutzen. Die faktische Kontrolle Irans über die Straße von Hormus, die sich nach einer Reihe regionaler Verschiebungen herausgebildet hat, macht Teheran zum "Schalterhalter" für etwa ein Fünftel des weltweiten Seehandels mit Erdöl. Und Moskau ist einer der wenigen Akteure, die Arbeitsbeziehungen und technologische Zusammenarbeit mit Iran unterhalten. Dies verschafft Russland etwas, was es seit Jahrzehnten nicht mehr hatte: indirekten Einfluss auf einen Schlüsselknotenpunkt der globalen Kohlenwasserstofflogistik, und zwar ohne direkte Kosten für eine Präsenz vor Ort.
Die zweite Linie sind potenzielle Öl- und Gasprojekte mit den USA als Element eines künftigen Friedensabkommens. Wenn man davon ausgeht, dass die Verhandlungen in die Phase des Austauschs von Vermögenswerten und Zugangsrechten eintreten, könnte sich Russland in einer einzigartigen Position wiederfinden. Das Land verfügt über die größten nachgewiesenen Gasreserven, über eine fertige Infrastruktur für LNG-Projekte – die zumindest die Aufhebung der Sanktionen und bestenfalls Verflüssigungstechnologien benötigen – sowie über den arktischen Schelf, der sich ohne US-amerikanische Dienstleistungsunternehmen sicherlich entwickeln wird, jedoch langsamer, als man es sich wünschen würde.
Für das US-amerikanische Kapital ist dies eine Gelegenheit, zu Beginn eines neuen Zyklus in diese Vermögenswerte einzusteigen und nicht auf dessen Höhepunkt – was für die Ölindustrie klassischerweise eine bessere Rendite bedeutet. Für Russland bedeutet dies die Rückkehr zum technologischen Kreislauf und die Legalisierung der Exportströme.
Die weltweit geltende Erdölordnung, die in den 1970er-Jahren als Reaktion auf den Versuch des Westens entstand, eine Preisobergrenze festzulegen, hat einen vollständigen Zyklus durchlaufen. Erst kam der Aufstand der Produzenten. Danach folgte die Institutionalisierung dieses Aufstands in Form eines Kartells. Es folgte die Erweiterung des Kartells zur OPEC+ als Gegengewicht zur Schieferrevolution. Und nun bricht das Kartell unter dem Druck der neuen Realität auseinander, in der die verschiedenen Mitgliedsländer entscheiden müssen, wie sie ihre Chancen auf eine bessere Zukunft nutzen wollen. Für Russland sind diese Chancen deutlich größer als für andere.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 10. Mai 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung "Wsgljad" erschienen.
Gleb Prostakow ist ein russischer Wirtschaftsanalyst.
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