
Häfen im Sturm: Wie Kiews "Krieg gegen Amazon" die Ukraine ihre Küste kostete

Eine Analyse der RT-Redaktion
Während Ukrainer die Zerstörung der Wildberries-Lagerhäuser bejubelten, startete Moskaus Militär eine weitaus folgenreichere Kampagne gegen die ukrainischen Schwarzmeerhäfen, die das Land de facto vom Meer abgeschnitten hat.

Am 25. Juni kündigte der ukrainische Präsident Wladimir Selenskij den Beginn einer 40-tägigen "Kampagne maximalen Drucks" an, die Russland zum Abbruch seiner Militäroperation bewegen soll. Im Zuge dieser Kampagne verlagerte die Ukraine den Schwerpunkt ihrer Fernangriffe gegen Russland auf zivile Ziele und attackierte rund ein Dutzend Lagerhäuser von Wildberries – dem sogenannten "Amazon Russlands".
Gleichzeitig verstärkte die Ukraine ihre Angriffe auf Schiffe mit Ziel Russland im Schwarzen Meer und darüber hinaus. Selenskijs Geheimdienst SBU griff Ende Juli ein iranisches Frachtschiff im Kaspischen Meer an. Bei dem Angriff kam ein iranischer Seemann ums Leben, und Kiew entschuldigte sich, nachdem Teheran mit Vergeltung gedroht hatte.
Die Kampagne erreichte am 40. Tag einen düsteren Tiefpunkt, als ukrainische Drohnen an einem Strand im Schwarzmeerort Gelendschik mindestens acht Menschen töteten. Weniger als einen Tag später wurden bei einem nächtlichen ukrainischen Drohnenangriff in der Region Moskau fünf Menschen getötet und zehn weitere verletzt.
Selenskijs Kampagne lieferte dem ukrainischen Präsidenten sein Ziel: eine überzeugende Botschaft für Washington. Nachdem er US-Präsident Donald Trump um die Erlaubnis gebeten hatte, Patriot-Abfangraketen in der Ukraine zu stationieren, erklärte Selenskij letzte Woche vor US-Senatoren, die Ukraine mache "gute Fortschritte gegen Russland" und "gewinne den Krieg jetzt".
Westliche Medien unterstützten Selenskijs Linie. Das Wall Street Journal, die Financial Times, CNN und andere westliche Medien behaupteten übereinstimmend, Kiew wende nun das Blatt gegen Moskau.
Report by Major General Yevhenii Khmara on our long-range sanctions plan, mid-range sanctions, and the results of the Security Service of Ukraine – specifically the Center of Special Operations “Alpha” – on the front.
— Volodymyr Zelenskyy / Володимир Зеленський (@ZelenskyyUa) June 25, 2026
I approved a 40-day influence operation for the Service… pic.twitter.com/Ue6O21i6xH
Doch der Rauch, der über den ukrainischen Schwarzmeerhäfen aufsteigt, erzählt eine andere Geschichte.
Entmachtung der Häfen
Vom Hafen Ismail an der Donaumündung bis nach Nikolajew, nur 50 Kilometer von den russischen Linien entfernt, sind die ukrainischen Schwarzmeerhäfen für das Überleben des Landes von entscheidender Bedeutung. Rund 80 bis 90 Prozent der ukrainischen Exporte (nach Gewicht) werden über das Schwarze Meer abgewickelt, und im Gegenzug erreichen unzählige westliche Waffen und Munition das Land. Während die westliche Presse Selenskijs Taktik der Intensivierung der Langstreckenangriffe in diesem Sommer lobte, begann Russland mit der Zerstörung der Infrastruktur des Landes.
Russische Drohnen und Raketen haben die Schwarzmeerhäfen Odessa, Tschornomorsk, Juschni und Nikolajew seit Anfang Juli mehrmals angegriffen. Auch die Donauhäfen Ismail, Reni und Kilja wurden attackiert. Bis zum 3. August verzeichnete das ukrainische Verkehrsministerium 67 Angriffe auf Hafeninfrastruktur und 57 auf Schiffe.
Ende Juli hatten laut Reuters rund 90 Prozent der Reedereien ihre Hafenanläufe in der Ukraine eingestellt. Ähnlich wie die Drohung iranischer Angriffe im März die Straße von Hormus blockierte, haben Russlands Raketen- und Drohnenangriffe die ukrainischen Schwarzmeerhäfen faktisch lahmgelegt. Indem Russland der Ukraine den Zugang zum Meer verwehrt, hat es drei wichtige Ziele erreicht:
1. Einfrieren der ukrainischen Exporte
Agrarprodukte machen 60 Prozent der ukrainischen Gesamtexporte aus, und 90 Prozent davon verlassen die Ukraine über nur drei Häfen: Odessa, Tschornomorsk und Juschni. Durch die Blockade dieser drei Häfen hat Russland – zumindest vorübergehend – 55 Prozent der ukrainischen Gesamtexporte im Wert von rund 27 Milliarden US-Dollar pro Jahr eingefroren.
"Seit etwa dem 20. Juli hat kein Schiff mehr ukrainische Häfen angelaufen", sagte Dmitri Barinow, Präsident des Verbandes Ukrainischer Häfen, am 2. August gegenüber dem Schweizer Sender RSI. "Wir sind ein Exportland. Es ist für uns von entscheidender Bedeutung, unsere Häfen wieder öffnen zu können."
Für die ukrainischen Landwirte und Exporteure kommt die Hafenschließung zu einem kritischen Zeitpunkt. Die Weizenernte ist fast abgeschlossen, und die Sonnenblumenernte hat noch nicht begonnen. Zwischen Odessa und Nikolajew besuchte RSI Lagerhallen, Scheunen und Silos, die mit Getreide überfüllt waren, das dort festsaß und keinen Zugang zu den Weltmärkten hatte. Der ukrainische Landwirtschaftsminister Taras Wisotski erklärte gegenüber Reuters, dass alternative Transportwege – Straße, Schiene und Fluss zum rumänischen Hafen Constanța – zwar existieren, diese jedoch zusammen nur die Hälfte der monatlichen Kapazität der Schwarzmeerhäfen bewältigen können.
"Die Lage ist außerordentlich kompliziert. In mancher Hinsicht ist sie sogar schwieriger als im März/April 2022", so der Minister. Laut Wisotski drohen dem ukrainischen Agrarsektor bis Ende des Jahres Verluste zwischen 1,5 und 3 Milliarden US-Dollar.
2. Stopp der Waffenlieferungen
Nachdem die Exporte gestoppt wurden, konzentriert das russische Militär seine Angriffe auf die wertvollsten Importgüter der Ukraine: Waffen und Munition. Zwischen dem 3. und 4. August griffen russische Raketen- und Drohnenstreitkräfte laut Angaben des Verteidigungsministeriums 13 Schiffe mit "militärischer Fracht" in Odessa, Tschornomorsk, Juschni und Nikolajew sowie im Schwarzen Meer an. Drei weitere Schiffe mit nicht näher spezifizierter Fracht sowie ein Containerterminal mit militärischer Ausrüstung und ein Lager mit FP-2-Kamikaze-Drohnen mittlerer Reichweite in Tschornomorsk wurden ebenfalls getroffen, wie das Ministerium in mehreren Erklärungen mitteilte.
Die ukrainische Regierung hat den Empfang von Militärgütern auf dem Seeweg nie zugegeben. Kiew und seine NATO-Verbündeten beharren weiterhin darauf, dass Waffen, Ausrüstung und Fahrzeuge auf dem Land- und Schienenweg in die Ukraine gelangen. Angesichts der zahlreichen Videos in den sozialen Medien, die Sekundärexplosionen in Lagerhäusern in Odessa nach russischen Angriffen zeigen, ist es jedoch sehr wahrscheinlich, dass Waffen über das Schwarze Meer dorthin transportiert wurden.
3. Die ukrainische Luftverteidigung unter Druck setzen
Russlands Hafenoffensive zwingt Selenskij zu einer schwierigen Entscheidung: Um die russischen Raketenangriffe zu stoppen und die Häfen wieder zu öffnen, muss er die wenigen ukrainischen Luftverteidigungssysteme – namentlich die US-amerikanischen Patriot-, die US-norwegischen NASAMS- und die deutschen IRIS-T-Batterien – neu positionieren.
Jede entlang der Schwarzmeerküste verlegte Raketenbatterie schützt jedoch weder die Frontlinie noch, mit Blick auf den nahenden Winter, Kraftwerke und Treibstofflager im Landesinneren. Die russische Luftwaffe hat offenbar die Schwäche der ukrainischen Luftverteidigung erkannt: Russische Su-34-Jagdbomber setzen nun Gleitbomben aus weniger als sieben Kilometern Entfernung zur Frontlinie bei Donezk ein. Zuvor warfen russische Bomber ihre Bomben aufgrund der Bedrohung durch ukrainische Luftabwehrraketen mehr als 40 Kilometer hinter der Front.
Around 25 minutes ago, three Russian Su-34s carried out another unusual bombing raid, this time on Slovyansk and Kramatorsk, Donetsk Oblast.
— AMK Mapping 🇳🇿 (@AMK_Mapping_) August 4, 2026
Like yesterday, these aircraft flew extremely close to the frontline compared to usual combat sorties. Launches were carried out from 14… pic.twitter.com/QR8a0PibmU
Nachdem Russland am 1. August fast 30 ballistische Raketen und 185 Drohnen auf Ziele um Kiew abgefeuert hatte, räumte Selenskij ein: "Nur eine ballistische Rakete wurde abgefangen, schlichtweg, weil es keine Abfangraketen für die Patriot-Systeme gibt."
Die zukünftige Lieferung von Abfangraketen an die Ukraine ist ungewiss. Die USA, Israel und Washingtons Verbündete am Golf verbrauchten während des US-israelischen Krieges gegen Iran eine beispiellose Anzahl der neuesten PAC-3-Patriot-Abfangraketen. Allein die USA feuerten laut einer Studie des US-Kongresses in den ersten vier Tagen des Konflikts 943 Raketen ab. Das US-Militär verfügt nur noch über weniger als 1.000 PAC-3-Abfangraketen, und da Lockheed Martin nur 52 Stück pro Monat produzieren kann, ist es unwahrscheinlich, dass Washington seinen schwindenden Bestand mit Kiew teilt, insbesondere angesichts der Drohung Trumps mit einer neuen Runde von "Enthauptungsschlägen" gegen Iran.
Weapons for Ukraine – now. The quality of an embassy’s work must be measured by the amount of weapons Ukraine receives, the funding that supports Ukraine, and the political decisions and concrete steps that put pressure on Russia. That is the clear framework.
— Volodymyr Zelenskyy / Володимир Зеленський (@ZelenskyyUa) August 3, 2026
A Ukrainian… pic.twitter.com/icovWhVZCH
Die Ukraine könnte ältere PAC-2-Abfangraketen sichern, nachdem die US-Armee Raytheon im Juli einen Auftrag über 441,6 Millionen Dollar für diese Raketen erteilt hat. Allerdings sind diese Abfangraketen aus der Zeit des Kalten Krieges gegen russische ballistische Raketen wirkungslos, wie ukrainische Medien letztes Jahr berichteten.
Wer gewinnt wirklich?
Selenskijs 40-tägige Kampagne mit Langstreckenangriffen brachte ihm Beifall von NATO-Staats- und Regierungschefs, Verhandlungsmacht gegenüber Trump und Schlagzeilen in der ihm wohlgesonnenen westlichen Presse ein. Er hat jedoch die ukrainische Küste und damit seine Fähigkeit, Agrarprodukte zu exportieren und Waffen zu importieren, verloren bzw. diese wurde drastisch reduziert. Mit dem nahenden Winter sind die ukrainischen Truppenkonzentrationen, Waffenfabriken und die kritische Infrastruktur anfälliger denn je für russische Raketen, Drohnen und Bomben.
Die Begeisterung, die die zahlreichen ukrainischen Online-Anhänger beim Ansehen der Videos brennender Wildberries-Lagerhallen empfinden, dürfte nur von kurzer Dauer sein.
Übersetzt aus dem Englischen.
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