Nordamerika

Die wahre Machtbasis hinter Donald Trump

Der Besuch von US-Außenminister Mike Pompeo in der ägyptischen Hauptstadt Kairo am 10. Januar offenbarte hierzulande kaum Kommentiertes: In seiner Rede erklärte Pompeo, er sei als "evangelikaler Christ" gekommen. Was bedeutet das für die Politik der Trump-Regierung?
Die wahre Machtbasis hinter Donald TrumpQuelle: AFP © Nicholas Kamm

von Zlatko Percinic

Der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist kein religiöser Mensch. Dennoch verfügt er über eine feste Machtbasis bei den evangelikalen Christen der USA, welche die Bibel als "geschriebenes Wort Gottes und göttlich inspiriert" betrachten. Als "höchste Autorität" kann die Bibel somit "jede andere Autorität korrigieren". Allerdings sinkt die Zahl derer, die die Bibel wörtlich nehmen, seit den 1980er Jahren stetig. Während es 1984 noch 40 Prozent waren, halbierte sich die Zahl nahezu auf 24 Prozent bis zum Jahr 2017. Dennoch glaubt nach wie vor eine große Mehrheit von 71 Prozent, dass die Bibel mindestens "von Gott inspiriert" ist.

Vielleicht gehört der US-Präsident nicht zu dieser Mehrheit, dafür aber offenbar sein Außenminister Mike Pompeo. Während seiner großen Reise durch den Mittleren Osten vor drei Wochen hielt er auch in Kairo eine Grundsatzrede zur Lage in der Region. In seinen einleitenden Worten merkte er unter anderem an, dass er als "evangelikaler Christ" gekommen ist. "Wir sind alle Kinder von Abraham", fuhr Pompeo fort und ließ die Zuhörer und Zuschauer weltweit wissen, dass er in seinem Büro im Harry-Truman-Gebäude in Washington "eine Bibel offen auf dem Tisch" zu liegen hat, damit sie ihn "an Gott und seine Worte und die Wahrheit" erinnert.

Auch Vizepräsident Mike Pence gehört zu dieser Mehrheit. Obwohl er in einer irischen Familie aufgewachsen und katholisch erzogen wurde, zog es ihn und seine eigene Familie später zu den evangelikalen Christen. 1994 sagte der damals 35-jährige Pence:

Ich habe mich (Jesus) Christus verpflichtet. Ich bin ein wiedergeborener, evangelikaler Katholik.

Ein wichtiger Teil ihres Glaubens – und damit auch der von rund einem Viertel der US-Bevölkerung, die sich als evangelikale Christen bezeichnet – ist die Überzeugung, dass es eine Wiederkehr von Jesus Christus geben und damit das tausendjährige Reich eingeläutet wird. Mike Pompeo sprach vom Zweiten Kommen Jesu bei einem Auftritt 2015 in der Summit Church in Wichita/Kansas:

Wir werden weiterhin diese Schlachten führen… Es ist ein endloser Kampf bis zur Entrückung. Seid ein Teil davon. Seid beim Kampf dabei!

Die Entrückung ist Bestandteil dieses "Zweiten Kommens", wenn die "gesicherten" (gläubigen Christen) am Anfang der siebenjährigen Periode der Tribulation "plötzlich, in einem Augenblick" (nach dem 1. Buch der Korinther 15:51-52) in den Himmel kommen, während der Rest der Menschheit zunächst eine dreijährige Zeit "des Friedens und Kooperation" erfährt. Im vierten Jahr soll sich der Antichrist zeigen, dem weitere drei Jahre von "Krieg und Katastrophe" folgen sollen. Die Summit Church ist sogar der Überzeugung, dass "Seine Rückkehr in unserer Lebenszeit wahrscheinlicher ist, als zu irgendeiner anderen Zeit in der Geschichte der Menschheit."

Wie lange diese "Geschichte der Menschheit" sein soll, ist ernstlich Gegenstand von lebhaften Debatten in den USA. Zwar glauben einer Pew-Umfrage aus dem Jahr 2013 zufolge 60 Prozent aller Erwachsenen an die weitgehend anerkannte Evolutionstheorie, doch bei den Republikanern zeichnet sich nun ein rückläufiger Trend ab. Glaubten 2009 noch 54 Prozent der Republikaner an die Lehre Darwins, sank diese Zahl nur vier Jahre später bereits auf 43 Prozent. 48 Prozent sind nun sogar davon überzeugt, dass die Menschen schon immer genau so waren, wie sie heute sind. Auch dieser Wert ist in nur vier Jahren um 9 Prozent gestiegen.

Einen nicht unerheblichen Anteil an dieser Entwicklung trägt die sogenannte Lehre des Kreationismus bei, die in einigen US-Bundestaaten sogar an öffentlichen Schulen als Curriculum gelehrt wird. Nach dieser Lehre hat sich die Menschheit nicht etwa über Jahrtausende entwickelt, sondern Gott schuf alles in nur sechs Tagen, und zwar vor 6.000 Jahren. Damit das Ganze auch einen anscheinend wissenschaftlichen Charakter erhalte, gründeten die Vertreter dieser Theorie Anfang der 1970er Jahre das Institute for Creation Research, welches eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Publikationen veröffentlichte. Auch US-Präsident Trump findet es zumindest auf jeden Fall "großartig", wenn es in den Schulen wieder obligatorischen Bibelunterricht gibt.

Welche Auswirkungen das auf die reale Politik haben kann, konnte man im April 2011 in Texas beobachten, als Waldbrände wüteten und immense Schäden verursachten. Gouverneur Rick Perry, der sich auch für den Präsidentschaftswahlkampf 2012 empfahl, rief die Menschen ernstlich zu dreitätigen "Gebeten für Regen im Staat Texas" auf:

Ich rufe Texaner aller Glaubensrichtungen und Traditionen auf, an diesem Tag für die Heilung unseres Landes, den Wiederaufbau unserer Gemeinschaft und die Wiederherstellung unseres normalen Lebens zu beten.

Obwohl die Trennung zwischen Staat und Kirche eigentlich strikt in der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika verankert wurde, wurde diese Grenzlinie in den vergangenen Jahrzehnten deutlich aufgeweicht. So steht beispielsweise im Artikel 2 der Verfassung des Staates Massachusetts folgendes geschrieben:

Es ist das Recht als auch die Pflicht aller Menschen in der Gesellschaft, öffentlich und bei gegebenen Anlässen, das Höchste Wesen, den großen Schöpfer und Erhalter des Universums anzubeten.

Rick Perry hat gezeigt, dass die Religion durchaus einen Einfluss auf die Politik hat. Das ist bei Außenminister Mike Pompeo oder Vizepräsident Mike Pence nicht anders. Noch als Kongressabgeordneter sagte er bei einem Auftritt zur Jahreskonferenz der mächtigen pro-Israel Lobby AIPAC im Jahr 2009:

Aufgewachsen in der kleinen Stadt Columbus/Indiana, könnten sich einige von Ihnen wundern, warum ein Junge aus dem Herzen von Amerika mit einer Liebe für Israel nach Washington, D.C. kommen sollte. Obwohl ich keine Synagogen in meinem Distrikt kenne, lassen Sie es mich klar und deutlich sagen: wie bei der überwältigenden Mehrheit meiner Wählerschaft, zwingt mich mein christlicher Glaube, den Staat Israel zu ehren.

So geht es nicht nur Pence oder Pompeo, sondern einer überwältigenden Mehrheit der evangelikalen Christen. Laut einer Umfrage von LifeWay Research aus dem Jahr 2015, glauben 70 Prozent, dass "Gott eine spezielle Beziehung zu der modernen Nation von Israel" hat. Für 69 Prozent ist die Gründung Israels 1948 die Erfüllung einer biblischen Prophezeiung, währen 73 Prozent meinen, dass die Geschehnisse in Israel Teil der Prophezeiungen aus der biblischen Offenbarung des Johannes sind.

Und in dieser Offenbarung geht es schließlich um die Prophezeiungen, die zum Ende aller Tage, zur Apokalypse führen sollen. Hier schließt sich endlich der Kreis zwischen den evangelikalen Christen und ihrem Glauben, der Bibel als göttliche Inspiration, dem Staat Israel und der heutigen US-Außenpolitik. Denn während die Evangelikalen einige Prophezeiungen zum Zweiten Kommen Jesu bereits erfüllt sehen, gibt es immer noch einige, die bisher unterfüllt blieben. Doch mit einer entsprechenden Politik lässt sich dieser Prozess beschleunigen, genauso wie die Rückkehr der Juden nach Israel und das Wiederbeleben der hebräischen Sprache durch menschliches Zutun, nicht allein göttlichen Willen erfüllt wurde.

Auch aus solchem Grund wählten bei den vergangenen Präsidentschaftswahlen in den USA 81 Prozent der weißen Evangelikalen Donald Trump und seinen "running mate" Mike Pence, weil sie in ihm das Werkzeug zur Erfüllung ihrer religiösen Träume sehen. Dabei spielte offensichtlich der Umstand gar keine Rolle, dass Trump nicht religiös und in diesem Kontext eigentlich auch in Sünde lebt. Aber die Politik, die er seitdem betreibt, sollte ihnen recht geben. So war die Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem nur der erste Schritt in diese Richtung. Bei der Einweihungszeremonie der neuen Botschaft erhielten zwei evangelikale Pastoren den breitesten Raum für ihre Reden: Robert Jeffress und John Hagee, die für ihren Kampf zur Erfüllung der Endzeitprophezeiungen berüchtigt sind.

Jeffress machte 2010 von sich reden, als er sagte, dass Religionen wie die der "Mormonen, Islam, Judentum, Hinduismus nicht nur die Menschen von Gott wegführen, (sondern) sie die Menschen in eine ewige Trennung von Gott in der Hölle führen". Hagee hingegen sorgte Ende der 1990er Jahre für Schlagzeilen, als er behauptete, dass Adolf Hitler von Gott zur Erfüllung der Prophezeiung als "Jäger" geschickt wurde, damit er die Juden nach Palästina "jagt". Bei jedem anderen, der solche zutiefst antisemitische Äußerungen ausgesprochen hätte, wäre eine mediale Lawine ausgebrochen. Doch diese zwei Männer, deren Gefolgschaft in den USA mehrere hunderttausend Unterstützer umfasst, wurden dennoch in Israel vom Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu wie Staatsgäste behandelt.

Was ihnen aber zur vermeintlichen Erfüllung der Bedingungen zur Wiederkehr Jesu noch fehlt, ist ein großer Krieg im Mittleren Osten. John Hagee sieht schon die Reiter der Apokalypse am Horizont kommen: "Dann werden Russland und Iran, zusammen mit ihren islamischen Horden, die israelische Nation überfallen." Und als ob ihm Außenminister Pompeo in seine Rede in Kairo rechtgeben wollte, holte er zumindest zu einem ersten rhetorischen Gegenschlag aus, als er den Iran als "gemeinsamen Feind" bezeichnete und versprach, den "krebsartigen Einfluss" Irans in der Region zurückzudrängen. "Amerika ist die gute Macht im Mittleren Osten", versicherte er.

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